Frisches Wasser aus altem Brunnen
Soholm
(ji)
Wer in Soholm von der Bäckerei die Dorfstraße in Richtung Ortsmitte entlang geht oder radelt, sieht gegenüber der einstigen Gastwirtschaft auf dem weitläufigen, sehr gepflegten Rasengrundstück des einstigen Wehrführers der Freiwilligen Feuerwehr Soholm-Schardebüll-Engerheide, Willi Nagel, einen hübschen, mit Blumen verzierten Brunnen. Man könnte ihn für eine phantasievolle Nachbildung eines Märchenbrunnens halten, der gebaut wurde, um den Garten zu schmücken. Doch abgesehen von dem aus dem Rasen herausragenden Steinkranz, den Willi Nagel aus Gründen der Sicherheit und der besseren Optik wegen 1990 nachträglich gemauert hat, erfüllte der Brunnen einst eine wichtige Aufgabe im täglichen Leben der Vorbesitzers des Grundstücks und deren Nachbarn. Er diente ihnen als alleinige Wasserquelle für Mensch und Vieh und wurde auch in Anspruch genommen, wenn die Feuerwehr dringend Löschwasser benötigte.
"Es ist schon erstaunlich, wie schnell das Wasser auch nach intensiver Wasserentnahme immer wieder bis an den obersten Rand anstieg", erzählt Willi Nagel. Wenn im Haushalt Wasser benötigt wurde, tauchte man einen Eimer (eine "Pütz") in den Brunnen und leerte ihn zu Hause aus. Um das Wasser trinken oder für die Zubereitung von Speisen verwenden zu können, musste es zuvor erst gründlich durchgesiebt und anschließend abgekocht werden. An den Waschtagen hatten die Frauen mit den im Wasser enthalteten Algen ihre liebe Not. Oft halfen sie sich, indem sie Windeln als zusätzliche Filter einsetzten.
Der Brunnen, der vermutlich zusammen mit dem im Jahre 1864 errichteten Wohnhaus auf dem Grundstück geschaffen wurde, ist fünf Meter tief und kannenartig geformt. Gefertigt ist er in einer uralten Bautechnik, bei der die Steine nur kunstvoll aufeinander gelegt, nicht aber durch Mörtel miteinander verbunden wurden. Sie werden allein durch den Druck ihres Gewichtes zusammengehalten. Am Boden diente seit jeher eine Schicht aus Kies und Kieselsand als hochwirksamer Filter zur Reinigung des Grundwassers. Er musste von Zeit zu Zeit durch neuen Kies ersetzt werden.
Heute steigt das Wasser im Brunnen nur noch bis zu einer Höhe von etwa zwei Metern unterhalb des auf einer Lehmschicht angepflanzten Rasens. Das ist die Folge einer drastischen Grundwasserabsenkung durch die Regulierungsmaßnahmen des "Programm Nord" (Kanalisierung aufgestauten Wassers, Begradigung von Auen, Bau von Sielschleusen und Schöpfwerken), das in Soholm 1960 beendet wurde. "Vorher war es den Soholmern im Herbst und Winter oft nicht möglich, mit ihren Fahrrädern trockenen Fußes von ihren Grundstücken auf die Hauptstraße (damals noch eine Grandweg) zu gelangen", erinnert sich Willi Nagel. Denn abgesehen von einigen etwas höher gelegenen Grundstücken, sei das ganze Dorf hin und wieder "regelrecht abgesoffen". "Da lief den Leuten dann das Wasser in die Holzpantoffeln und Gummistiefel; das habe ich selbst noch miterlebt."
Auf das Brunnenwasser sind Soholmer schon lange nicht mehr angewiesen. Beim Ausbruch eines Schadenfeu ers jedoch könnte der Brunnen den Feuerwehrmännern noch immer als schnell erreichbare und ergiebige Wasserquelle nützliche, möglicherweise sogar Leben rettende Dienste leisten.